Eine kleine Zeitreise oder: Der Tag, an dem die Musik starb

So erschien der Bericht im SPIEGEL

Kostenloskultur, ACTA, Diebstahl geistigen Eigentums: Die Debatte ums Urheberrecht schaukelt sich momentan in himalayhafte Höhen. Unvorstellbar scheinen die Summen, die der Musikindustrie jährlich durch Angebote wie Pirate Bay und Megaupload verloren gehen. Filesharing, Hochleistungsrechner, schnelle Datenverbindungen, kleine Dateien und große Festplatten: das sind die Waffen mit denen ein ganzes Gesellschaftsmodell attackiert wird. Dieses Gesellschaftsmodell stütze sich auf das heilige, pardon, geistige Eigentum eines jeden Kulturschaffenden. Unvorstellbar welche moralischen und vor allem wirtschaftlichen Auswirkungen es haben könnte würde die gottgewollte Ordnung der drei Stände ins Wanken geraten: die hörigen Verbraucher, die hart arbeitenden Autoren und die über allem trohnenden Verwerter.

Mir ist dazu wieder ein Artikel in die Finger gekommen. Auch hier wird davon gesprochen dass die Musikfirmen vor “kaum lösbare Probleme” gestellt sind. Man verliere Unsummen. “Das Unterhaltungsgewerbe steht vor einer Existenzskrise.”

Alles wie gehabt – so scheint es. Das besondere an diesem Artikel ist, dass er nicht eben erst geschrieben wurde. Auch nicht vor kurzem. Der Artikel ist aus der 17. Ausgabe des SPIEGEL 1977. Und die Existenskrise der Schallplatte, die den Plattengiganten den Schweiß auf die Stirn treibt wird durch Leerkassetten ausgelöst.

Man feierte dieser Tage den 100. Geburtstag der Schallplatte – eines Tonträgers der mit Recht verehrt wurde. Denn er hat die Welt verändert (ohne Witz). Mit einem Umsatz von damals 10 Milliarden Mark “das beliebteste Unterhaltungsmedium der Gegenwart.” Aber die Kassette “überflügelt die Schallplatte zunehmend am Markt.” Die handliche Tonträger sind zu dieser Zeit schon beliebter: Es wurden 1976 mehr Kassetten als LPs abgesetzt; von diesem großen Haufen MCs sind ein guter Teil sogenannte “Leerkassetten”, die der Konsument selbst bespielen kann. Dazu der Text: “In westdeutschen Bürgerhaushalten stehen schon heute annähernd so viele Kassetten-Recorder wie Plattenspieler.” Eine interessante Tatsache. Wir wissen heute, dass das munter so weiter ging.

Mit dem Kassettenrecorder ließen (und lassen) sich Musikstücke aus dem Radio oder von der Schallplatte oder von einer anderen MC auf die Kassette überspielen. Das bedeutet, dass sich von einem Titel beliebig viele Kopien anfertigen ließen (bzw. lassen). Da die Technik in dieser Zeit verbessert wurde, kann man das sogar fast ohne Klangverlust in annehmbarer Qualität tuen. Ein interessanter Absatz dazu:

[…] mit bis zu zwei Stunden Spieldauer pro Band. Und die Musik kommt aus der Luft. Ein Knopfdruck am Radio-Recorder, und schon ist ein Schlager aus dem Äther auf der Kassette für lange verfügbar. Ein Klang-Supermarkt zum Nulltarif: Leichter war das Mitsehneiden noch nie. Schon werden Recorder angeboten, die bei kommentierten Musiksendungen im Funk die Moderation für die Kassette automatisch ausblenden. […]

 

 

 

 

(“Äther” bezeichnet hier die Luft)

Aus diesem einfachen Aufnehmen wurde eine echte Freizeitbeschäftigung.

Branchenkenner schätzen, daß in der Bundesrepublik rund 10 000 gewerbsmäßige Schwarzkopierer den Tonträgermarkt unterlaufen

Man fühlt sich gerne an heutige Zeiten erinnert. “Nulltarif”, “Schwarzkopierer”. Das geht auch munter so weiter.

 Vor allem aber Tonband-Piraten, namentlich in Italien, haben mit Billigangeboten in Millionenauflage 1976 die westdeutschen Tonträger-Firmen um ihre Rendite gebracht. Mehr als eine Milliarde Mark ging der deutschen Musikbranche im vergangenen Jahr durch Leerkassetten und Piraterie verloren.

Man fragt sich, wie die Plattenindustrie diese “Piraterie” überleben konnte. Aufgrund der apokalyptischen Ausmaße der Krise sollte es doch heutzutage gar keine Musik mehr geben. Aber:

Während das professionelle Schwarzkopieren gegen alle Urheberrechte verstößt, ist der private Mitschnitt am Heimrecorder erlaubt.

Und das ist auch gut so. Das Recht auf Privatkopie muss immer gewahrt bleiben, egal wieviele Einnahem dadurch flöten gehen. Um das Contentrudel ruhig zu stellen hat man auch gleich noch eine moderate Lösung parat:

Um hier die Autorenrechte an Musikaufnahmen abzugelten. zahlt jeder Käufer beim Erwerb eines Aufnahmegeräts automatisch einige Mark Schutzgebühren. Eine “Zentralstelle für private Überspielungsrechte” (ZPO) verteilt dieses Geld. knapp fünf Prozent vom Industriepreis. an die Autoren.

Eine tolle Sache wie ich finde: Kauft man einen Recorder wird die mögliche Urheberrechtsverletzung gleich vergolten – und ist demnach keine mehr. Eine Regelung, die sich auch in der Moderne lohnen könnte. Man könnte sich beispielsweise vorstellen eine Abgabe auf iPods und dergleichen einzurichten – vielleicht ein paar Cent pro Megabyte? Oder gleich jede Festplatte mit einem Aufschlag austatten, weil auf ihr Privatkopien gelagert sein könnten. Den Anschaffungspreis würde das, bei immer niedrigeren Preisen für Speichermedien, kaum nach oben treiben. Außerdem ist die Konsumfreude so groß, dass Verbraucher beinahe jedes Angebot akzeptieren und tolerieren würden. Ein mögliches Modell für die Zukunft, aus der Vergangenheit übernommen.

Trotzdem scheint im Jahre 1977 das Ende der Plattenindustrie gekommen, “The Day the Music died”, wie Don McLean (“American Pie”) singt.

Das hat für die Musik-Szene fatale Folgen. Solange Komponisten, Texter. Verleger und Plattenfirmen mit Schlagern, lau, Rock und Klassik Geld verdienen, kann neue Musik produziert werden. Versiegt der Verkauf von bespielten Kassetten und Schallplatten, weil der Konsument allen Schall aus dem Äther umsonst konservieren kann, sind keine Mittel für Neuaufnahmen mehr da.
Die Musikindustrie steht, ohne sieh dies selbst einzugestehen, vor ihrer gefährlichsten Krise.

 

[…]

Durch den Vormarsch der Leerkassette werden die Plattenfirmen zu empfindlichen Budget-Kürzungen gezwungen sein. Sie werden qualifizierte Mitarbeiter entlassen und ihr Repertoireangebot drastisch einschränken müssen. Nur noch Spezialitätenprogramme, die der Rundfunk nicht oder selten sendet, sowie attraktive Hit-Koppelungen, die nur mühsam do-it-yourself aufzunehmen sind, haben künftig noch eine nennenswerte Umsatzchance.

…Da bekommt man echt Angst, nicht? Außerdem klingt das so vertraut…

Gut das wir wissen, dass die wirklich fetten Jahre der Musikindustrie noch kommen werden. Die 80er zum Beispiel, wo LPs, MCs und auch CDs verkauft werden. In Zeiten wo einzelne Künstler galaktische Einnahmen erzielen. Die Hitparaden der Radiosender werden rauf und runter aufgenommen, im Osten wie im Westen; und “Thriller” wird trotzdem das meistverkaufte Album aller Zeiten.

Um die bevorstehende Krise des Jahres ’77 abzuwenden versucht die Contentmafia repressive Maßnahmen beim Verbraucher. Störsignale im Sendebetrieb und in Aufnahmegeräten sollen eingerichtet werden. Währendessen wird der MC in geraumer Zeit eine Laufdauer von bis zu sechs Stunde prophezeit.

Außerdem wird noch etwas ganz anderes prophezeit:

Sebastian Tropp vom Darmstädter Musikarchiv, ein Futurologe der Branche, rechnet mit einer Ablösung der Schallplatte durch die Musikkassette in den Jahren 1985 bis 1987: “Von 1990 an wird das mechanische Abtastsystem nach mehr als 100 Jahren Anwendung endgültig im Museum verschwinden.”

Recht hat er, der Sebastian. Doch auch etwas anderes, dass der gute Mann leider nicht ahnen konnte, macht der Schallplatte einen Strich durch die Rechnung: die CD.

Und immer mehr Leerkassetten kommen auf den Markt. Eine klanglose Zukunft ist das Menetekel. Wenn die Musikindustrie ihre wirtschaftlichen Probleme heute und morgen nicht zu lösen vermag, wird es übermorgen bei aller Super-Technik kaum mehr produzierte Musik geben, die überspielt werden kann.

Wir wissen heute: Die Musikindustrie hat ihre “Probleme” wohl gelöst. Darüber hinaus haben sie wohl die besten Geschäfte nach dieser kassettengesteuerten Kulturevolution gemacht. Auch wenn uns das heute lächerlich erscheint: So weit weg von unserer aktuellen Situation ist die Leerkassetten-Krise gar nicht. Sogar die veranschlagten Summen ähneln sich. Die veröffentlichten 500 Millionen Euro Schaden entsprechen der Milliarde Mark. Auch wenn die Zeiten damals noch andere waren, man für ein paar Pfennige einen Liter Diesel bekam. Wir müssen uns von Plattenfirmen vorrechnen lassen, wann sie untergehen, wenn die “Netzgemeinde” mit ihrer “Kostenloskultur” so weiter macht. Dabei haben eben jene Leute schonmal eine Kostenloskulturwelle gemeistert. Warum soll sich Geschichte nicht wiederholen?

Natürlich reden wir von anderen Ausmaßen. Erstens können wir heute neben Musik auch Filme privatkopieren. Werden dafür aber auch sofort als Raubkopierer angeklagt und an den Pranger gestellt. Das liegt vielleicht auch daran, dass wir auf unseren Festplatten zehnmal soviele Stücke lagern könnten wie in jeder größeren Kassettensammlung. Wir können die Musik überall hin mitnehmen ohne Qualitätsverlust und diese auch mit jedem teilen. Trotzdem sind wir  nicht gemeiner, hinterlistiger oder allgemein geiziger als unsere Eltern, die sich in ihren Teenagerjahren an Sonntagen vor das Wunschkonzert setzen und mühsam “Record” betätigen mussten. Wir haben nur andere Möglichkeiten. Und genau auf diese Möglichkeiten müssen die Musikkonzerne und deren Lobbyverbände reagieren. Die Chancen im jetzt und hier das Urheberrecht anzupassen, neue Vertriebswege und neue Wege für das Entgeld zu ermitteln, sind da. Sie müssen nur noch ergriffen werden.

Die Geschichte lehrt uns: Neue Technologien zum Teufel zu jagen, bringt nichts. Die MC war eine gute Neuerung für den Verbraucher und war eine Herausforderung für die Produzenten. Diese Herausforderung scheinen sie gemeistert zu haben. Aus eigener Kraft. Hut ab.

 

Benjamin

2 Thoughts on “Eine kleine Zeitreise oder: Der Tag, an dem die Musik starb

  1. Hier dann auch noch mal der Hinweis auf den Fall, wo Sony uns seit Jahren unsere Musik klaut. Und unsere Lehren aus der Geschichte.

    http://rauskucker.wordpress.com/2010/02/13/sony-gegen-die-proleten-youtube-zensur/

  2. Pingback: Die Rückkehr der Rückkehr der Schallplatte | TakeYourApple

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