ACTA Kritik & Urheberrechts-Debatte – Eine Mail an die deutsche Content Allianz

Am 17.02.2012 veröffentlichte die Deutsche Content Allianz (ein Zusammenschluss deutscher Inhalteinhaber und -Verwerter, zu der unter anderem auch das ZDF, die ARD und die GEMA gehören) einen Aufruf an die Bundesregierung ACTA schnellstmöglich zu unterzeichnen. Eine kurze Stellungnahme von Netzpolitik.org zu dem Thema findet ihr hier.

In der Argumentation im Plädoyer stimmen grundlegende Dinge nicht. Außerdem ignorieren die Vertreter völlig, dass erst sechs Tage davor, am 11.2. zehnttausende Menschen gegen ACTA und für Urheberrechtsreformen und gleichtzeitig für die Freiheit im Netz auf die Straßen gegangen sind.

Julian Lingen aus Bielefeld hat sich mit dieser Erklärung auseinandergesetzt und einen bemerkenswerten Brief an die einzelnen Vertreter der Deutschen Content Allianz gesendet. Freundlicherweise hat er diese Mail zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt. An dieser Stelle ein herzliches Danke darfür.

Seine Ausführungen sind eine stichhaltige und glaubwürdige Auflistung von Gegenpositionen und gut ausgearbeiteten Verbesserungsvorschlägen, die die Kritik der Content Allianz aushebeln. Er hat es geschafft die Position der ACTA Gegner für diese Leute verständlich auszudrücken. Natürlich muss man für eventuelle Umsetzungen noch an den Formulierungen feilen. Aber ein guter Beschwerdebrief ist es alle mal.

Es ist für viele interessant einen ausformulierten Standpunkt vor Augen zu haben. Viele Leute sagen, und auch ich meine das, dass es nicht reicht nur gegen ACTA zu sein. Um in der Diskussion mit den Befürwortern bestehen zu können muss man auch Ängste nehmen und Alternativen anbieten können. Mit dem folgenden Text seid ihr dann bestens gewappnet.

 

Sehr geehrter Herr …,

mit einigem Unmut las ich gerade einen Artikel über eine Pressemitteilung der “Deutschen Content Allianz” in der Sie als dazugehöriges Mitglied die Bundesregierung dazu aufforderten ACTA so schnell wie möglich zu unterzeichnen (http://​www.presseportal.de/pm/​6895/2200327/​acta-abkommen-deutsche-cont​ent-allianz-fordert-bundes​regierung-zur-konsistenten​-positionierung-zum/gn). Dabei ließen Sie auch kein gutes Haar an den Protestlern und der “Netzgemeinde” der Sie ein fehlendes Unrechtsbewusstsein gegenüber digitalem Diebstahl und fehlendes Diskussionsinteresse für konstruktive Lösungen unterstellten.

Das ist mitnichten so. Wenn Sie sich auch nur kurz mit einigen Mitgliedern der Piratenpartei beschäftigen würden, würden Sie schnell feststellen, dass es durchaus gute Ansätze für eine Neuformulierung des Urheberrechts gibt.

Desweiteren besitzen weite Teile der “Netzgemeinde” ein ordentliches Unrechtsbewusstsein. Schließlich lädt niemand Musik oder Filme hoch um sie als seine eigene Produktion auszugeben. Es soll lediglich ausgedrückt werden, dass den Personen die Musik oder die Filme gefallen und möchte andere dazu animieren sich selbst von der Qualität der Inhalte zu überzeugen und die Künstler zu unterstützen sollte es ihnen auch gefallen.

 

Als ausgesprochener ACTA Gegner möchte ich ihnen kurz darlegen warum:

Ich möchte keinesfalls illegale Downloads verteidigen und fürchte auch keine Netzzensur in der momentanen Form von ACTA. Ich bin der Meinung, dass man das Urheberrecht reformieren muss und die Angebote der Unterhaltungsindustrie verbessert werden müssen.

Dazu eine kurze Ausführung zu ungerechten Ausführungen des Urheberrechts:

Auf Youtube gibt es zu Hauf Videos die Urheberrechte verletzen. Beispielsweise gibt es Kollagen von Filmen, Serien oder Computerspielen, die mit viel Liebe von den Fans gestaltet wurden um diesen Produktionen ihre Verbundenheit auszudrücken und Tribut zu zollen. Meistens werden die Bilder noch mit passender Musik unterlegt. All das tun die Macher aus nachvollziehbaren und keinesfalls böswilligen Motiven, trotzdem sind es nach aktuellem deutschen Recht gleich doppelte Urheberrechtsverletzer.

Ein weiteres Beispiel: In Deutschland hat sich eine enge Fangemeinde gebildet, die sich dem Thema “Anime” widmet (falls Sie mit dem Begriff nicht vertraut sind: Animes sind Zeichentrickfilme aus dem asiatischen Raum).

Nun ist diese Art der Unterhaltung und Kunst in Deutschland nicht so weit verbreitet und viele Serien aus dem asiatischen Raum schaffen es gar nicht erst bis nach Europa. Diese Menschen kaufen sich nun die Original Serien DVDs und importieren sie nach Deutschland. Diejenigen, die in der jeweiligen Sprache bewandert sind übersetzen dann die Inhalte und stellen sie anderen zur Verfügung, damit die sich auch daran erfreuen können. Damit begehen sie auch Urheberrechtsverletzungen,​ aber auch nur deshalb weil ihnen keine ordentliche Möglichkeit gegeben ist ihrem Hobby nachzugehen ohne gleich viele verscheidene asiatische Sprachen lernen zu müssen.

Und noch ein letztes Beispiel: Computerspiele:

Häufig werden Computerspiele heutzutage nicht ordentlich programmiert und enthalten zahlreiche “Bugs” und Spielinhalte die nicht so funktionieren wie es eigentlich angedacht war. Nach Erscheinen gibt es trotzdem immer wieder eine große Fangemeinde die sich mit einem Spiel beschäftigt und sich daran setzt dieses zu verbessern und daraus dann Modifikationen, sogenannte “Mods” entwickelt. Dies ist meistens von den Spieleentwicklern geduldet, ist aber nach deutschem Recht ebenfalls strafbar weil man mit dem Kauf eines Spiels nur das Recht erwirbt es zu nutzen und nicht es zu verändern.

 

Das Urheberrecht in seiner heutigen Form führt also dazu, dass viele Menschen ungerechterweise kriminalisiert werden obwohl sie nur gutes tun wollen.

 

In der Pressemitteilung war außerdem die Rede davon, dass aus der “Netzgemeinde” keine konstruktiven Vorschläge kämen wie man die Lage besser gestalten könnte. Nun, ich möchte ihnen meine Vorschläge unterbreiten, die ich nach einigem Nachdenken erarbeitet habe und meiner Ansicht nach fair für Produzenten und Konsumenten sind. Die Vorschläge beziehen sich dabei allerdings ausschließlich auf den Sektor der Unterhaltungsindustrie, da dort das Problem der Urheberrechtsverletzungen besonders im Vordergrund steht.

Ich würde mich freuen wenn sie meinen Vorschlag zur Kenntnis nehmen und noch mehr würde ich mich freuen, wenn Sie mir ihre Meinung dazu sagen würden, den Vorschlag eventuell weiter reichen würden an zuständige Stellen in der Industrie und mir Feedback dazu geben würden.

 

Dann geht es hier also los mit dem ersten Vorschlag:

Plattformen wie Kino.to oder Megaupload haben schon gezeigt wohin die Unterhaltungsindustrie in Zukunft gehen könnte um ihren Kunden in Zukunft legal Produkte vorzustellen.

Mein Vorschlag würde in eine ähnliche Richtung gehen. Meiner Ansicht nach gibt es nach momentanem Stand zu wenig Möglichkeiten für den Kunden sich ein objektives Bild von einem Medium zu machen. Kritiken und Rezensionen sind immer rein subjektiver Natur und Trailer oder Singleauskopplungen zeigen meist schon das Beste was das Medium zu bieten hat.

 

Nach meinem Lösungsansatz könnte jede Firma, die mit Medieninhalten ihr Geld verdient eine Seite im Internet erstellen, auf der man als Nutzer auf alle Inhalte, also auf die gesamte Bandbreite des Angebots, zugreifen kann. Damit auch noch ein Anreiz zum Kaufen besteht könnte man die Inhalte qualitativ beschneiden. So könnte man zum Beispiel komplette Musikalben in einer Qualität von 90-100kbps im Stream anbieten. Das wäre eine Bitrate die gerade ausreichend ist den Inhalt zu beurteilen, aber keinen wirklichen Hörgenuss bietet. Genau so könnte man die Bitraten von Filmen senken und die vielleicht noch zusätzlich durch Farb- oder Unschärfefilter verfremden. Für Computerspiele würde ich andenken, eine Demo verpflichtend für alle Spiele einzuführen und Systeme wie Steam und Origin, die dem Kunden keinen Mehrwert bieten sondern nur einschränken einzustampfen.

Die Idee dahinter sollte nun klar sein und so würden sich auch für andere Inhalteanbieter ähnliche Lösungen finden.

Diese Lösung finde ich mehr als fair für Produzenten und Konsumenten.

 

Wenn Sie jetzt anmerken möchten, dass bei Itunes und Amazon schon solche Dinge verwirklicht wurden möchte ich ihnen sagen: Aber nicht ausreichend.

Bei Amazon kann man nur 30 Sekunden eines Liedes anhören, dabei ist man Amazon komplett ausgeliefert welcher Teil des Liedes das nun ist. Ich habe es schon erlebt, dass bei einem kompletten Album immer nur die ersten 30 Sekunden gezeigt wurden, in denen man immer nur das aufbauende Intro hören konnte. Wenn dann die Stimme einsetzt ist der Clip schon wieder vorbei. Dazu wird es mit dem Probehören auch ganz schnell ganz eng wenn man sich auch nur ein bisschen abseits des Mainstream bewegt. Ich möchte komplette Album Streams haben. Dieses Verfahren gbt es zwar heute auch schon, aber leider viel zu selten.

 

Das wäre der erste Vorschlag, den ich auch als am zielführendsten und ausgeglichensten beschreiben würde. Der zweite Vorschlag wäre:

Die Preise zu senken. Eine CD im Laden kostet meist 15-20€ und ein Album als MP3 Download 10€. Für meine Begriffe ist das viel zu viel, besonders bei den Preisen für MP3 Downloads. Wer kauft sich denn für so viel Geld die Katze im Sack um neue Künstler kennen zu lernen, die ihm womöglich gar nicht gefallen? Und nur wenn man neue Künstler kennen lernt wird man immer mehr und mehr Geld in die Kassen der Industrie spülen.

Aber natürlich kenne ich mich im Produktionsprozess nicht aus und kann nicht sagen wie viel billiger “gerecht” wäre und wo man überall die ein oder andere Million einsparen könnte um es für den Endkunden billiger zu machen.

 

Kommen wir letztendlich dann zu dem dritten Vorschlag, der auch im Zuge des Aufkommens der Piratenpartei aufkam: Die Kulturflatrate.

Es könnte von jedem eine Gebühr erhoben werden die dann den künstlerisch Schaffenden zugute kommt und im Gegenzug werden Downloads legalisiert. In einem Land in dem es zwingende Rundfunkgebühren gibt sollte das doch auch kein all zu großes Problem sein solch ein Modell zu entwickeln. Man müsste dann allerdings darauf achten, dass man nicht eine zweite GEZ erschafft. Die hat ihren Ruf in der Bevölkerung ja schon lange weg.

 

Das wären meine konstruktiven Vorschläge. Ich würde mich wie gesagt über Feedback dazu von ihnen freuen.

Damit haben sie also Vorschläge aus der “Netzgemeinde”, jetzt sind sie am Zug sich damit auseinanderzusetzen.

 

Um nun die Brücke zum Anfang und zu ACTA zurück zu schlagen: ACTA zementiert dieses alte Urheberrecht weiterhin. Zumindest für mich steht eine Zensur des Netzes momentan nicht im Raum und ich versuche mich so sachlich wie möglich mit dem Thema auseinander zu setzen und ich möchte auch nicht die illegalen Downloads verteidigen.

Ich möchte, dass von der Unterhaltungsindustrie alternative Konzepte erarbeitet die dem Kunden gegenüber gerecht sind und dass sie ihre potenziellen Kunden nicht als Verbrecher ansehen. Denn jeder der ein Medium herunter lädt wird auch in der ein oder anderen Weise zahlender Kunde der Industrie sein. Es gibt nur äußerst wenige, die sich tatsächlich nur alles kostenlos laden wollen und denen die Schaffenden dahinter egal sind. Der überwiegende Teil der Menschen kauft sich die Medien auch wenn sie ihnen gefallen und da muss die Unterhaltungsindustrie ansetzen und den Kunden bessere Möglichkeiten geben sich auch äußert billig wenn nicht sogar kostenlos einen eigenen Einblick in ein Erzeugnis zu ermöglichen. De facto ist es sogar in Studien erwiesen worden, dass Menschen die sich viel herunter laden auch besonders gute Kunden der Unterhaltungsindustrie sind (http://www.heise.de/tp/​blogs/6/150152).

ACTA zementiert weiter das Bild des bösen Raubkopierers und zeigt die dahinter stehende Mentaliät der Industrie sich kein Stück von den bisherigen Modellen lösen zu wollen. Darum sollte ACTA nicht unterzeichnet werden, sondern es sollte ein Umdenken stattfinden. Ein Umdenken bei deutschen Politikern das Urheberrecht zu modernisieren und ein Umdenken in der Unterhaltungsindustrie ihre Geschäftsmodelle kundenfreundlicher zu gestalten.

 

Nach diesem langen Text würde ich mich freuen wenn meine Arbeit nicht ganz umsonst gewesen ist und Sie sich mit meinen Ausführungen auseinandersetzen und mir antworten könnten.

 

Mit freundlichen Grüßen

Julian Lingen

 

Wenn ihr glaubt, dass das noch anderen hilft, verbreitet diesen Beitrag gerne weiter. Der Autor möchte ganz im Sinne des Urheberrechts, dass sich fremde Personen nicht an den gedanklichen Eigenleistungen bereichern und diese womöglich als ihre Errungenschaft ausgeben. Seid fair dem Autor gegenüber, weitere Auflagen für die Verbreitung gibt es nicht.

Benjamin

in Kooperation mit Julian Lingen

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